Die Heizung ist in den meisten Gebäuden der grösste Energieverbraucher. Und gleichzeitig der Bereich, in dem durch eine systematische Betriebsoptimierung am meisten zurückgeholt werden kann, oft ganz ohne neue Hardware. Trotzdem wird genau hier am seltensten hingeschaut. Viele Anlagen laufen jahrelang mit den Werkseinstellungen vom Tag der Inbetriebnahme, obwohl sich Nutzung, Belegung und sogar die Gebäudehülle seither verändert haben.
In diesem Artikel zeigen wir, wo die fünf grössten Hebel bei der Heizung liegen, warum sie so oft übersehen werden und wie man sie systematisch angeht. Es ist der erste Teil unserer Serie «Betriebsoptimierung pro Gewerk», in der wir Gewerk für Gewerk durchgehen, von Heizung über Lüftung und Kälte bis zum technischen Gebäudemanagement.
Worum es eigentlich geht
Betriebsoptimierung bei der Heizung bedeutet: die vorhandene Anlage so betreiben, dass sie genau das liefert, was das Gebäude braucht. Nicht mehr und nicht weniger. Das klingt selbstverständlich, ist es aber in der Praxis erstaunlich selten. Die typischen Symptome kennen viele: In manchen Räumen ist es zu warm, in anderen zu kalt. Die Heizung läuft auch nachts und am Wochenende durch. Die Vorlauftemperatur ist höher als nötig. Und niemand weiss so genau, ob das, was die Regelung macht, dem aktuellen Bedarf entspricht.
Die gute Nachricht: An genau diesen Stellen liegt das grösste Einsparpotenzial. Und die Massnahmen amortisieren sich in den meisten Fällen innerhalb von Monaten, nicht Jahren.

Hebel 1: Die Heizkurve absenken
Die Heizkurve bestimmt, bei welcher Aussentemperatur welche Vorlauftemperatur ins Heizsystem gespeist wird. Sie ist der zentrale Parameter jeder witterungsgeführten Regelung. Das Problem: In den meisten Anlagen steht sie noch auf der Werkseinstellung oder auf dem Wert, den der Installateur bei der Inbetriebnahme eingestellt hat, oft mit einer grosszügigen Sicherheitsmarge. Die Folge ist eine systematisch zu hohe Vorlauftemperatur, die zu höheren Verteilverlusten und unnötigem Energieverbrauch führt.
Die Faustregel lautet: so flach wie möglich, so hoch wie nötig. Jede Absenkung der Vorlauftemperatur um ein Grad reduziert die Verluste und verbessert bei Wärmepumpen den COP um rund 2 bis 3 Prozent (illustrativer Erfahrungswert). In Summe sind durch eine korrekt eingestellte Heizkurve rund 4 bis 6 Prozent Einsparung realistisch, bei Wärmepumpen sogar mehr.
Wichtig dabei: Änderungen immer in kleinen Schritten vornehmen (0,1 bis 0,2 bei der Neigung), danach 24 bis 72 Stunden warten und die Rückmeldung der Nutzer einbeziehen. Und idealerweise erst dann fein einstellen, wenn der hydraulische Abgleich erledigt ist, weil sonst die Rückmeldung verfälscht wird.

Hebel 2: Absenkzeiten an die reale Nutzung anpassen
Viele Heizungsanlagen laufen rund um die Uhr auf demselben Niveau, obwohl das Gebäude nur einen Bruchteil des Tages voll genutzt wird. In Bürogebäuden stehen Abende, Nächte, Wochenenden und Ferienzeiten für eine konsequente Absenkung oder Abschaltung zur Verfügung. Allein durch richtig gesetzte Zeitprogramme lassen sich erfahrungsgemäss 5 bis 12 Prozent der Heizenergie einsparen (illustrativ).
Die Umsetzung klingt trivial, hat aber Tücken. Der Aufheizzeitpunkt muss so gewählt werden, dass die Solltemperatur bei Nutzungsbeginn erreicht ist, ohne die Anlage zu früh oder zu spät hochzufahren. Moderne Regelungen bieten dafür selbstlernende Aufheizkurven, die den Zeitpunkt automatisch berechnen. Bei älteren Systemen muss man das von Hand einpflegen und testen.
Ein weiterer häufiger Fehler: Ferienzeiten und Sonderbetrieb werden nicht im Zeitprogramm gepflegt. Zwischen Weihnachten und Neujahr heizt das Bürogebäude auf vollen Touren für eine leere Etage. Das lässt sich mit einem einzigen Eintrag im Wochenprogramm verhindern.
Wichtig bei Wärmepumpen und Fussbodenheizungen: Hier ist eine harte Nachtabsenkung oft kontraproduktiv, weil der Wiederaufheizvorgang am Morgen mit hoher Vorlauftemperatur läuft und den COP drückt. Bei trägen Systemen ist eine moderate Absenkung um 2 bis 3 Grad sinnvoller als ein Ein/Aus-Betrieb.
Hebel 3: Hydraulischer Abgleich
Der hydraulische Abgleich ist die vermutlich am häufigsten empfohlene und am seltensten umgesetzte Massnahme in der Heizungstechnik. Sein Prinzip: Jeder Heizkörper oder jede Heizzone erhält genau die Wassermenge, die sie braucht, und nicht mehr. In einer nicht abgeglichenen Anlage strömt das Heizwasser bevorzugt durch die Leitungen mit dem geringsten Widerstand, typischerweise die nächstgelegenen Heizkörper. Die entfernten Räume werden unterversorgt, und die Reaktion ist vorhersehbar: Die Pumpenleistung wird hochgedreht und die Vorlauftemperatur angehoben, damit es auch im letzten Raum warm wird. Das Ergebnis ist ein System, das überall zu viel liefert, nur damit es nirgends zu wenig ist.
Ein sauber durchgeführter hydraulischer Abgleich beseitigt dieses Problem und ermöglicht eine Absenkung der Vorlauftemperatur, weil die Wärme jetzt gleichmässig verteilt wird. Die Einsparung liegt erfahrungsgemäss bei 5 bis 15 Prozent (illustrativ), in Einzelfällen bis 20 Prozent. Dazu kommt die Möglichkeit, die Pumpenleistung zu reduzieren, was den Stromverbrauch senkt und Strömungsgeräusche beseitigt.
Der Abgleich umfasst die raumweise Heizlastberechnung, die Einstellung der voreinstellbaren Thermostatventile und die Anpassung der Pumpenförderhöhe. Es ist kein Zaubertrick, sondern eine ingenieurmässige Grundlagenarbeit. Ohne ihn bleibt jede weitere Optimierung Stückwerk.
Vom einmaligen Abgleich zum dauerhaft optimalen Betrieb
Der klassische hydraulische Abgleich hat allerdings einen Schwachpunkt: Er bildet einen Auslegungszustand ab, typischerweise die volle Heizlast bei Normaussentemperatur. Im realen Betrieb ändert sich die Last ständig, durch wechselnde Belegung, Sonneneinstrahlung, innere Wärmelasten oder Teilzonenabschaltungen. Ein einmal eingestelltes druckabhängiges Ventil kann darauf nicht reagieren. Es liefert die berechnete Wassermenge, egal ob der Raum sie gerade braucht oder nicht. Sobald sich die Druckverhältnisse im Netz verschieben, etwa weil eine andere Zone schliesst, wandert der Betriebspunkt, und der Abgleich stimmt nicht mehr.
Genau hier liegt das Potenzial für den nächsten Sanierungsschritt: der Wechsel von druckabhängigen Ventilen auf druckunabhängige Regelventile (PICV, Pressure Independent Control Valves). Ein druckunabhängiges Ventil hält den eingestellten Durchfluss unabhängig von Druckschwankungen im Netz konstant. Damit bleibt der hydraulische Abgleich nicht nur am Auslegungstag korrekt, sondern über die gesamte Heizsaison, bei jeder Teillast und bei jedem Betriebszustand.
Wer noch einen Schritt weiter gehen will, kann auf kommunikative Ventile wie den Belimo Energy Valve setzen. Dieser vereint ein druckunabhängiges Regelventil mit einem integrierten Energiezähler, Durchflussmessung und IoT-Anbindung in einem Gerät. In der Praxis heisst das: Das Ventil regelt nicht nur den Durchfluss, sondern misst gleichzeitig die tatsächlich übertragene Energie. Es erkennt, ob ein Wärmetauscher oder eine Heizgruppe die erwartete Leistung liefert, und kann Abweichungen melden, bevor sie zu Komfortproblemen oder Mehrverbrauch führen. Das ist kein Monitoring im Nachhinein, sondern eine kontinuierliche Qualitätssicherung des Abgleichs im laufenden Betrieb.
Der Belimo RetroFIT+ Ansatz zeigt, wie sich solche Komponenten auch im Bestand nachrüsten lassen, ohne die gesamte Anlage umzubauen. Kommunikative Antriebe und druckunabhängige Ventile werden gezielt an den Stellen eingesetzt, wo das grösste Optimierungspotenzial liegt. In Kombination mit einer übergeordneten Gebäudeautomation entsteht so ein System, das sich permanent selbst ausbalanciert.
Zusammengefasst: Der klassische hydraulische Abgleich ist die Pflicht, er schafft die Grundlage. Der Wechsel auf druckunabhängige oder kommunikative Ventile ist die Kür, er macht den Abgleich dauerhaft und selbstkorrigierend. Beides zusammen hebt die Effizienz der Wärmeverteilung auf ein Niveau, das mit konventionellen Mitteln nicht erreichbar ist.
Hebel 4: Pumpen richtig betreiben
Die Umwälzpumpe ist der stille Dauerläufer jeder Heizungsanlage. In vielen Bestandsgebäuden arbeiten noch alte, ungeregelte Pumpen, die rund um die Uhr mit konstanter Drehzahl laufen, unabhängig davon, ob gerade ein Raum oder hundert beheizt werden. Ihr Stromverbrauch liegt typischerweise bei 400 bis 800 kWh pro Jahr. Eine moderne Hocheffizienzpumpe mit automatischer Drehzahlregelung kommt auf 50 bis 150 kWh, das ist eine Reduktion um bis zu 80 Prozent (illustrativ).
Der Austausch amortisiert sich in der Regel innerhalb von zwei bis vier Jahren. Besonders wirksam ist er in Kombination mit dem hydraulischen Abgleich, weil die Pumpe dann nicht nur effizient läuft, sondern auch auf dem richtigen Druckniveau arbeitet.
Selbst wenn ein sofortiger Austausch nicht im Budget liegt, lohnt sich ein Blick auf die Einstellung: Viele Pumpen laufen auf der höchsten Stufe, obwohl die mittlere oder niedrigste ausreichen würde. Diese Anpassung kostet nichts und ist in fünf Minuten erledigt.
Hebel 5: Erzeugerregelung prüfen
Die Regelung des Wärmeerzeugers selbst wird bei der Betriebsoptimierung oft ausgelassen, obwohl hier ebenfalls erhebliches Potenzial steckt. In Anlagen mit mehreren Kesseln oder Wärmepumpen ist die Kaskadierung entscheidend: Laufen alle Erzeuger gleichzeitig, obwohl die Last nur einen erfordert? Ist die Stufenfolge sinnvoll? Wird bei Teillast moduliert oder getaktet?
Besonders bei Wärmepumpen ist der Taktbetrieb (häufiges Ein- und Ausschalten) ein bekanntes Problem. Er verschlechtert den COP, erhöht den Verschleiss am Verdichter und produziert unnötige Anlaufverluste. Die Lösung liegt in der korrekten Dimensionierung des Pufferspeichers und, wo vorhanden, in der Aktivierung der Inverter-Modulation, die den Verdichter stufenlos an die Last anpasst.
Bei konventionellen Kesseln lohnt sich die Prüfung der Brennerstarts pro Tag. Liegt die Zahl deutlich über 10 bis 15, deutet das auf einen zu kleinen Puffer oder falsch eingestellte Schaltdifferenzen hin. Auch die Abgastemperatur gibt Hinweise auf den Zustand des Erzeugers und die Qualität der Regelung.

Die Reihenfolge macht den Unterschied
Wer alle fünf Hebel gleichzeitig anfasst, verliert den Überblick. Die empfohlene Reihenfolge: Zuerst die Zeitprogramme prüfen, weil das am schnellsten geht und sofort wirkt. Dann den hydraulischen Abgleich durchführen, weil er die Grundlage für alles Weitere schafft. Danach die Heizkurve absenken, weil jetzt die Rückmeldung stimmt. Anschliessend die Pumpen prüfen und bei Bedarf tauschen. Und zum Schluss die Erzeugerregelung fein einstellen.
Dieses Vorgehen ist kein Zufall. Es folgt dem Prinzip der Betriebsoptimierung: zuerst die grossen, kostengünstigen Hebel, dann die investiveren Schritte, immer auf einer sauberen Datenbasis.
Fazit
Die Heizung ist das Gewerk mit dem grössten Einsparpotenzial durch reine Betriebsoptimierung. Heizkurve, Absenkzeiten, hydraulischer Abgleich, Pumpen und Erzeugerregelung: fünf Hebel, die in den meisten Gebäuden nicht voll ausgeschöpft sind. Die Massnahmen sind in der Regel gering investiv, schnell wirksam und technisch gut beherrschbar. Und sie schaffen die Grundlage dafür, dass spätere Sanierungsschritte richtig dimensioniert werden, nicht nach Bauchgefühl, sondern auf Basis eines optimierten Betriebs.
Im nächsten Teil der Serie schauen wir uns die Lüftung und Klimatisierung an, das Gewerk, bei dem Luftmengen und Betriebszeiten fast immer Potenzial bergen.
Quellen
- EN 12831 Heizungsanlagen in Gebäuden, Verfahren zur Berechnung der Norm-Heizlast (CEN)
- SIA 384/1:2009 Heizungsanlagen in Gebäuden, Verfahren zur Berechnung der Norm-Heizlast (SIA)
- VDI 2035 Vermeidung von Schäden in Warmwasser-Heizungsanlagen
- EU-Ökodesign-Verordnung Nr. 641/2009 Anforderungen an Umwälzpumpen
- MuKEn 2014 Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (EnDK)
- Belimo RetroFIT+ Nachrüstprogramm für energieeffiziente HLK-Komponenten, druckunabhängige Ventile und Energy Valves (belimo.com/ch/de_CH/products/retrofit-plus)
- EnergieSchweiz / BFE Förderprogramme und Praxishilfen zur Heizungsoptimierung (energieschweiz.ch)
Wir prüfen Ihre Ausgangslage
Sie planen eine Sanierung oder möchten Ihre Anlagen optimieren? Wir begleiten Sie von der Bestandsaufnahme bis zur funktionalen Abnahme.
Offerte anfragen




